Religionsunterricht für alle„Unterschiede wahrnehmen und nicht am Maßstab der eigenen Religion messen“Neues interreligiöses Kooperationsmodul in den Lehramtsteilstudiengängen
2. November 2026, von Zsuzsa Becker

Foto: Konstantin Yuganov – stock.adobe.com
Wie lässt sich Religion in einer pluralistischen Gesellschaft verstehen und vermitteln? Der Hamburger „Religionsunterricht für alle“ bringt unterschiedliche religiöse Perspektiven im schulischen Unterricht zusammen. Im interdisziplinären Kooperationsmodul setzen sich Lehramtsstudierende der beteiligten religionsbefassten Fächer gemeinsam mit religiösen Traditionen sowie ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden auseinander.
Fünf religionsbefasste Fächer, ein gemeinsames Modul: Was ist die Idee hinter dem interreligiösen Kooperationsmodul in den Lehramtsteilstudiengängen?
Ali Ghandour: Die Idee des Moduls ist, dass sich die religiöse Vielfalt des Hamburger Religionsunterrichts bereits in der Ausbildung der zukünftigen Lehrkräfte widerspiegelt. Studierende aus den verschiedenen religionsbezogenen Fächern kommen zusammen, diskutieren, vergleichen ihre Sichtweisen, fragen nach und lernen voneinander. So beschäftigen sie sich nicht nur theoretisch mit religiöser Vielfalt, sondern erleben ganz konkret, wie unterschiedlich religiöse Traditionen verstanden und ausgelegt werden können. Solche Lehrangebote sind an Hochschulen bisher eher selten. Es gibt zwar interreligiöse Seminare und vergleichbare Ansätze, aber ein fest im Lehramtsstudium verankertes Modul, das von mehreren religionsbezogenen Fächern gemeinsam getragen wird, gibt es meines Wissens in dieser Form bislang nur an der Universität Hamburg.
Was müssen angehende Religionslehrkräfte für den Hamburger „Religionsunterricht für alle“ (RUfa) können – und warum braucht es dafür den Austausch zwischen verschiedenen Theologien?
Barbara Müller: Im RUfa werden die unterschiedlichen religiösen Erfahrungen und Perspektiven der Schüler aufgegriffen und als Ausgangspunkt für gemeinsames Lernen genutzt. Themen wie im aktuellen Seminar etwa Rituale werden aus verschiedenen religiösen Perspektiven betrachtet, miteinander ins Gespräch gebracht und interreligiös diskutiert. Dafür brauchen Religionslehrkräfte nicht nur fundiertes Wissen über Religionen, sondern auch die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven offen und dialogisch miteinander zu verbinden. Genau das wird im Seminar praktisch eingeübt – von Lehrenden und Lernenden gemeinsam.
Wie verändert sich die Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen, wenn Studierende aus unterschiedlichen religionsbefassten Fächern gemeinsam darüber diskutieren?
Elke Morlok: Die gemeinsame Diskussion macht deutlich, dass Begriffe wie Gebet, Segen oder Feiertag in den einzelnen Traditionen sehr unterschiedlich gefüllt sind. Das gilt auch für die Feste und Rituale, um die es im aktuellen Seminar geht. Die Judaistik – und auch die Alevitische Theologe – bringen eine Perspektive ein, die im Lehramtsstudium sonst eher am Rand steht. Viele Studierende sind jüdischer Religionspraxis bisher kaum – bewusst oder unbewusst – begegnet und kennen das Judentum vor allem aus dem Geschichts- bzw. Religionsunterricht oder aus der Berichterstattung in den Medien. Die Beschäftigung mit den jüdischen Quellen, etwa zum Schabbat oder zum Pessachfest, vermittelt ein genaueres Bild einer lebendigen Tradition mit großer innerer Vielfalt. Dabei lassen sich auch vereinfachende Vorstellungen überprüfen, die oft unbewusst verinnerlicht wurden. Die Studierenden können Gemeinsamkeiten erkennen, etwa in der zentralen Bedeutung bestimmter Speisen an Festtagen, im gemeinsamen Feiern in der Familie und Gemeinde oder in der Praxis des Fastens. Sie lernen aber auch, Unterschiede als solche wahrzunehmen und aus ihrem jeweiligen Zusammenhang heraus zu verstehen, statt sie am Maßstab der eigenen Religion zu messen. Diese Haltung ist für den späteren Unterricht im RUfa unverzichtbar.
Was ist für Sie als Lehrende das Besondere daran, ein gemeinsames Kooperationsmodul mit Kolleg:innen aus anderen religionsbefassten Fächern zu entwickeln und durchzuführen?
Cem Kara: In der eigenen Lehre bewegt man sich häufig innerhalb vertrauter fachlicher Logiken, Begriffe und Fragestellungen. Der Austausch mit Kolleg:innen aus anderen Theologien hilft dabei, aus dieser Perspektive mal herauszutreten und den Blick zu weiten. Das macht blinde Flecken sichtbar und schärft zugleich den Blick auf die eigene Disziplin und ihre Zugänge.
Der Austausch beginnt dabei nicht erst im Seminar, sondern bereits bei der Entwicklung des gemeinsamen Formats. Schon bei der Konzeption ging es darum, unterschiedliche religiöse Perspektiven angemessen einzubeziehen und Wege zu finden, sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Dabei lernen wir als Lehrende ebenfalls viel voneinander und entwickeln gemeinsam ein Format, das auch für uns neu ist. Gerade der direkte Austausch und das gemeinsame Ausprobieren machen die Zusammenarbeit besonders spannend.
Was nehmen die Studierenden aus der gemeinsamen Auseinandersetzung mit den verschiedenen religiösen Traditionen und Theologien für ihre spätere Tätigkeit als Religionslehrkräfte mit?
Sebastian Holzbrecher: Durch die interreligiöse Arbeit in gemischt-religiösen Seminargruppen entwickeln die Studierenden eine hohe Sensibilität für andere Religionen und Traditionen. Sie lernen Unterschiede und Gemeinsamkeiten an konkreten Themen und Fragen kennen. Dabei haben sie auch die eigene Tradition im Spiegel der anderen reflektiert und gelernt, Differenzen auszuhalten, statt sie zu glätten. Das bereitet sie für den späteren Unterricht in religiös und weltanschaulich vielfältigen Klassen vor. Sie erwerben zugleich klares Faktenwissen über Feste, Rituale und Feiern der alevitischen, islamischen, jüdischen, evangelischen und katholischen Traditionen und können Inhalte präzise und differenziert vermitteln. Der Austausch mit anderen Religionen, Traditionen und Theologien über Heilige Orte, Heilige Zeiten, individuelle und gemeinschaftliche Feste und Rituale, Fasten- und Festzeiten oder den Umgang mit Quellentexten findet im wissenschaftlichen Kontext statt und basiert auf verschiedenen hermeneutischen Modellen und Theorien. Auf diese Themen, Inhalte und Haltungen können die Studierenden in der späteren Unterrichtsplanung und in verschiedenen Dialogsituationen zurückgreifen. So verbinden sie Fachwissen mit Dialogfähigkeit und sind darauf vorbereitet, Religionsunterricht als Ort respektvoller und wertschätzender Begegnung zu gestalten.
Über das Modul
Das Kooperationsmodul ermöglicht Lehramtsstudierenden der Alevitischen, Evangelischen, Islamischen und Katholischen Religion eine Begegnung mit den verschiedenen religiösen Traditionen der anderen an der Lehramtsausbildung beteiligten religionsbefassten Fächer sowie der Judaistik. Neben einem interreligiösen Ringseminar und einer dazugehörigen Übung werden Vorlesungen oder Seminare aus den fünf beteiligten Disziplinen besucht. Das interdisziplinäre Kooperationsmodul stärkt damit Kompetenzen, die für den Hamburger „Religionsunterricht für alle“ zentral sind: einen sensiblen und fachlich fundierten Umgang mit religiöser Vielfalt.
Kontakt:
Prof. Dr. Ali Ghandour
Fachbereich Religionen
Institut für Islamische Theologie
E-Mail: ali.ghandour"AT"uni-hamburg.de
Prof. Dr. Barbara Müller
Fachbereich Evangelische Theologie
Institut für Christentumsgeschichte und Historische Theologie
E-Mail: barbara.mueller"AT"uni-hamburg.de
Prof. Dr. Cem Kara
Fachbereich Religionen
Institut für Alevitische Theologie
E-Mail: cem.kara"AT"uni-hamburg.de
PD Dr. Elke Morlok
Fachbereich Religionen
Institut für Judaistik
E-Mail: elke.morlok-2"AT"uni-hamburg.de
Prof. Dr. Sebastian Holzbrecher
Fachbereich Religionen
Institut für Katholische Theologie
E-Mail: sebastian.holzbrecher"AT"uni-hamburg.de

