Creative Writing am Institut für Anglistik und Amerikanistik„Kunst gehört zum Menschsein dazu, genau wie das Geschichtenerzählen“Dr. Christine Lehnen im Interview
28. Mai 2026, von Zsuzsa Becker

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Mit den neuen Creative-Writing-Kursen erweitert die Fakultät für Geisteswissenschaften ihr Lehrangebot um ein in Deutschland bislang einzigartiges Format: Im Interview spricht Dr. Christine Lehnen darüber, was Studierende in ihren Kursen erwartet, was das Angebot besonders macht – und warum es gerade jetzt darauf ankommt, zu lernen, wie man exzellente Texte schreibt.
Seit dem letzten Wintersemester bietest Du Kurse in Creative Writing am Institut für Anglistik und Amerikanistik an. Was erwartet Studierende in Deinen Veranstaltungen?
In meinen Veranstaltungen schreiben die Studierende Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher oder Theaterstücke – manchmal im Seminarraum, manchmal zuhause. Danach lesen wir die Texte und besprechen sie gemeinsam in der Gruppe: Was will der Text sein? Und wie können wir der Autor:in dabei helfen, ihn dazu zu machen? Dieses Workshop-Format geht auf mittelalterlichen Zünfte und die Werkstätte berühmter Künstler in der frühen Neuzeit zurück. Im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden diese Werkstätten zu Salons: Autor:innen trafen sich im Obergeschoss eines Pubs, um ihre Werke zu besprechen, wie zum Beispiel C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien in Oxford oder Simone de Beauvoir, Albert Camus und Jean-Paul Sartre in Paris. Mit der Demokratisierung der Hochschule nach dem zweiten Weltkrieg, besonders ab den späten Sechzigerjahren, wurde die literarische Werkstatt zu einem fest etablierten Format an englischsprachigen Universitäten. Deutsche Universitäten haben bei der künstlerischen Ausbildung wesentlich größere Berührungsängste.
Selbstverständlich lesen wir in meinen Veranstaltungen auch; Literatur steht immer in einer Tradition und verhält sich zur Welt. Der Mythos vom einzigartigen Genie, der noch nie dagewesenes hervorbringt, immer ein Mann, meistens weiß, gehört in die Vergangenheit. Mit echter künstlerischer Arbeit hat das nichts zu tun.
Das Angebot ist bislang einzigartig in Deutschland. Was macht Deine Kurse so besonders und wie unterscheiden sie sich von klassischen literaturwissenschaftlichen Seminaren?
Besonders sind sie, weil die Studierenden in meinen Seminaren selbst als Autor:innen auftreten. Wenn wir Texte lesen – Alice Munros Kurzgeschichten, Tolstoys Krieg und Frieden, Elif Batumans Die Idiotin, neue Prosa und Lyrik aus Granta, Stinging Fly oder dem Paris Review –, dann frage ich sie nicht, welche Themen seht ihr hier, welche Symbole, was will der Text uns sagen? Ich frage, was will der Text sein, was macht ihn einzigartig? Wie steht ihr dazu? Könntet, wolltet ihr so einen Text schreiben? Was habt ihr zu sagen, das niemand anders sagen kann, und wie? Den einzigartigen und individuellen Charakter der eigenen Stimme zu erkennen und zu entwickeln, ist in Zeiten von Large Language Models und Techniken der KI, die gleichförmige Texte am Fließband produzieren, wichtiger denn je. Nicht umsonst hat die University of Yale gerade erst angekündigt, digitale Geräte aus dem Seminarraum zu entfernen: Technologien der KI sind wunderbar, aber im Studium wird es in Zukunft darum gehen, gerade die Fähigkeiten zu erlernen, bei denen wir von Maschinen unterstützt werden möchten, statt sie abzugeben oder auszulagern.
Für wen sind die Kurse geeignet? Können auch Studierende ohne Vorerfahrung teilnehmen?
Das hängt vom jeweiligen Seminar ab; es wird selbstverständlich immer Kurse geben, an denen Studierenden ohne Vorerfahrung teilnehmen können. Bisher sind unsere Veranstaltungen nur für Studierende der Anglistik und Amerikanistik zugänglich, aber ich hoffe, dass das Fach wachsen wird und somit auch anderen Studierenden offenstehen kann.
Einige Studierende fragen sich vielleicht, was ihnen kreatives Schreiben konkret bringt: Welche Fähigkeiten können sie in Deinen Kursen entwickeln?
Ich habe bisher noch keine Studentin und keinen Studenten in meinen Kursen getroffen, ob in Großbritannien oder in Deutschland, die oder der sich fragt, was ihnen kreatives Schreiben bringt. Kunst gehört zum Menschsein dazu, genau wie das Geschichtenerzählen. Wir wollen Geschichten erzählen, und die ältesten Kunstwerke unserer Geschichte sind laut aktueller Forschung Höhlenmalereien, die über 60.000 Jahre alt sind. Da gab es den homo sapiens sapiens noch gar nicht. Wir wollen Kunst machen, und das werden wir auch immer tun.
Solche Fragen stellen sich häufig nicht die Studierenden, sondern skeptische Beobachter, aber ich beantworte sie trotzdem gern: Einerseits ist es mit der Verbreitung von Large Language Models entscheidend, dass wir unsere Studierenden darin ausbilden, nicht bloß gute, sondern exzellente Texte zu verfassen. Texte werden nicht weniger wichtig werden, sondern immer wichtiger: und zwar vor allen Dingen solche, die individuelle menschliche Standpunkte darlegen. Außerdem wird es in Zukunft entscheidend darauf ankommen, unsere Studierenden in der Ausbildung ihrer Vorstellungskraft zu unterstützen, wie einen Muskel im Fitnessstudio oder unsere synaptischen Verbindungen im Gehirn. Technologien der KI wälzen gerade die Arbeitswelt um, sie werden bestimmte Aufgaben über kurz oder lang ersetzen, aber nicht die Fähigkeit – und die Verantwortung – sich neue Lösungen für immer neue Herausforderungen auszudenken. Die Vorstellungskraft ist eine Fähigkeit, die genau wie jeder andere ausgebildet werden muss, und das sollten wir unsere Studierenden auch ermöglichen.
Foto: UK Young Academy
Du bist Autorin, Journalistin und Dozentin. Wie bist Du zum Creative Writing gekommen und was hat Dich persönlich daran gereizt, dieses Angebot an der Universität Hamburg zu etablieren?
Nach dem Studium war ich fünf Jahre hauptberuflich als Schriftstellerin tätig. In dieser Zeit verfasste ich meine prominenten Romanreihen. Aber nach einigen Jahren fehlte mir etwas; ich wollte wieder tiefer nachdenken, und ich wollte eine bessere Schriftstellerin werden. Also ging ich an die University of Manchester, um dort über Creative Writing promoviert zu werden. Das war eine fantastische Zeit, in der ich unglaublich viel gelernt habe. Ich bin außerdem seit über fünfzehn Jahren immer wieder journalistisch tätig - ein wunderbarer Beruf, der mir fehlt, wenn ich ihn nicht ausübe.
Ursprünglich wollte ich nach der Promotion nach Deutschland zurückkehren, aber ich bekam eine Stelle als Lecturer in Creative Writing an der University of Exeter, bevor ich die Doktorarbeit überhaupt abgegeben hatte. Exeter war eine sehr lehrreiche Zeit, weil ich dort ein etabliertes Creative-Writing-Programm aus nächster Nähe erleben durfte, doch wie so viele Stellen im Hochschulbetrieb war auch diese befristet. Eigentlich wollte ich in Großbritannien bleiben, denn dort nimmt man die Kunst sowohl ernster als auch weniger ernst als in Deutschland: Sie wird nicht ehrfürchtig angeschaut, sie wird gemacht. Das passt gut zu meiner eigenen Haltung. Trotzdem: Als die Position in Hamburg ausgeschrieben wurde, musste ich mich einfach bewerben. Es war schon immer mein Traum, Creative Writing an eine deutsche Hochschule zu bringen, denn es ist schwierig, sich alles selbst beizubringen. In drei Jahren in Manchester habe ich mehr gelernt als in zehn Jahren als professionelle Autorin und Journalistin. In der Werkstatt und im Mentorat mit erfahrenen Schriftsteller:innen lernt man schnell, und man fasst schnell Mut, das zu schreiben, was wirklich wichtig ist.
Was sind Deine weiteren Pläne und worauf können sich Deine Studierenden freuen?
Ich möchte das European Centre for New Writing gründen, ein European Writing Lab in Hamburg entstehen lassen und Creative Writing als Fach fest etablieren, inklusive der Möglichkeit für unsere Studierende, Abschlussarbeiten zu schreiben und Promotionen zu verfolgen. Dazu möchte ich eng mit meinen Kolleg:innen am Institut für Anglistik und Amerikanistik zusammenarbeiten, denn Creative Writing gibt es nur gemeinsam mit den Literaturwissenschaften. Außerdem arbeite ich bereits an einigen spannenden interdisziplinären Kooperationen, zum Beispiel mit den Liberal Arts & Sciences oder der Public History.
Während ich an diesem großen Projekt arbeite, können sich Studierende und Kolleg:innen aber schon über eine Reihe von Veranstaltungen freuen, die bereits dieses Jahr das Hamburger Universitätsleben bereichern: Im Sommer findet das erste Hamburg Festival of Creative Writing statt, mit Gästen aus Großbritannien, Irland und den USA. Ich lege allen ans Herz, sich das Programm anzuschauen und sich für eine der vielen Veranstaltungen anzumelden, zum Beispiel mit dem britischen Autor und Librettisten Toby Litt, der irischen Rooney-Preisträgerin Caitríona Lally, oder dem Essayisten Kevin Brazil aus Southampton. Ich freue mich auf jede und jeden einzelnen von unseren Gästen, aber ich erlaube mir, den Besuch der Schriftstellerin Elif Batuman insbesondere hervorzuheben. Die Pulitzer-Preisträgerin, deren geistreiche Romane ein Geniestreich und Geschenk an die Weltliteratur sind, besucht uns am 13. Juli in Hamburg, und die ganze Universitätsgemeinschaft ist herzlich eingeladen!
Zur Person
Dr. Christine Lehnen ist Autorin von elf Büchern, darunter Romane, Sachbücher, Essays, Lyrik und preisgekrönte Kurzgeschichten. Darüber hinaus hat sie Drehbücher für das Fernsehen verfasst und viele Jahre als Journalistin im internationalen Rundfunk gearbeitet. Sie studierte Anglistik und Politikwissenschaft in Bonn und Paris, promovierte im Fach Creative Writing an der University of Manchester und war anschließend als Dozentin für Kreatives Schreiben an der University of Exeter tätig, bevor sie an die Universität Hamburg wechselte.

