„Mit der ersten Hausarbeit steht man vor einer völlig neuen Herausforderung“Pilotprojekt erprobt neues Tutorienkonzept
5. März 2026, von Zsuzsa Becker

Foto: Isabella Banger
Das Teilfach Ältere Deutsche Sprache und Literatur des Instituts für Germanistik hat im Wintersemester 2025/26 ein neues Tutorienkonzept erprobt. Das Besondere: Das Tutorium wird nicht wie üblich begleitend zu den Veranstaltungen angeboten, sondern erstmals als Blockveranstaltung am Beginn der Semesterferien durchgeführt. Ziel ist es, den Studierenden einen fokussierten Einstieg in das wissenschaftliche Arbeiten zu ermöglichen und damit die Qualität der Studienleistungen nachhaltig zu verbessern. Die AStuB und das Schreibzentrum haben das Projekt didaktisch begleitet.
Wie ist die Idee für das Pilotprojekt entstanden?
Lina Herz: Als ich vor vier Jahren in Hamburg angefangen habe zu unterrichten, ist mir nach und nach aufgefallen, dass die Kenntnisse, wie man grundsätzlich wissenschaftlich arbeitet, eine Forschungsfrage bzw. These entwickelt, wie man Literatur recherchiert, zitiert, bibliographiert, exzerpiert usw. nicht oder nur rudimentär vorhanden sind, das aber nichts mit mangelnder Bereitschaft der Studierenden zu tun hat, sondern schlicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass es keine (modularisiert verankerten) Veranstaltungen in der Literaturwissenschaft gibt, die hier systematisch schulen. Als ich studierte, gab es noch verpflichtende Übungen wie „Einführung ins literaturwissenschaftliche Arbeiten“, was etwas verstaubt klingt, aber den wichtigen Zweck erfüllte, dass man nicht alleine war und lernen konnte, mit den Erwartungen, wie und was an der Uni lesen und schreiben eigentlich heißt, umzugehen. Gerade nach der Pandemie, die eine Generation von Studierenden ins Alleinstudium vor dem Bildschirm geführt hat und mit den veränderten Schreibbedingungen durch gKI, deren Auswirkungen wir ja gerade auch mit Wucht erleben, erschien es mir wichtig, dieses ‚alte‘ Veranstaltungsformat neu zu beleben – und eben auch tatsächlich zu beleben: Vor Ort in Präsenz im geschützten Raum, im peer to peer-Austausch mit bestens geschulten Tutor:innen, die als Ansprechpartner:innen mit allen wichtigen Infos im Paket bereitstehen und das zu dem Zeitpunkt, wenn die Hausarbeit dann auch wirklich ‚passiert‘. Nämlich zu Beginn der Semesterferien, wenn man allein vor dem Rechner sitzt, ganz viel im Kopf und in der Notizen-App ist, aber man nicht genau weiß, wie und wo man anfangen soll.
Was war das Ziel der neu eingerichteten Tutorien, insbesondere im Hinblick auf die erste Hausarbeit im Studium?
Pia Wennrich: Mit der ersten Hausarbeit steht man vor der Herausforderung, eine neue Prüfungsleistung mit zahlreichen unvertrauten Regeln und Arbeitsweisen zu erbringen. Häufig kommt eine grundlegende Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten im Studium jedoch zu kurz – genau dort wollten wir ansetzen. Ziel ist es, den Studierenden fundierte Grundkenntnisse zu vermitteln, insbesondere für das Fach ÄdSL, das die Arbeit mit historischen Texten erfordert. Sie erhalten nicht nur viele Informationen und Tipps, vor allem üben wir gemeinsam mit Beispielen und den eigenen Hausarbeitsideen, die im Tutorium (weiter)entwickelt werden können. So sollen die Studierenden mit der Prüfungsform vertraut werden, um selbstbewusst in ihre erste Hausarbeit zu gehen und Spaß am Schreiben zu finden – von Studierenden für Studierende.
Wie wurdet ihr als Tutorinnen auf eure Aufgabe vorbereitet? Welche Rolle spielte dabei die Zusammenarbeit mit der AStuB und dem Schreibzentrum?
Sophie Grimm: In drei vierstündigen Blockterminen während des Semesters haben wir gemeinsam mit Lenah Grimm (ÄdL) und Nadia Blüthmann (AStuB) einen Ablaufplan für die Tutorien entworfen. Wir haben dort erarbeitet, welche Themen fachlich abgedeckt werden sollen und haben von Nadia Input zum didaktischen Vorgehen bekommen. An einem der drei Termine wurden wir zusätzlich vom Schreibzentrum begleitet: Fridrun Freise und Valérie Le Vot haben uns mit allerlei Wissen rund um den Schreibprozess und Stilfragen versorgt. Sie haben uns viel Material zur Verfügung gestellt, das wir später auch in unseren Tutorien verwendet haben. Darunter befand sich beispielsweise ein Arbeitsblatt zu Themenfindung und Forschungsfragen. Die Studierenden konnten dieses schon vorm Start des Tutoriums ausfüllen, um von uns – vorbereitend auf ein Gespräch mit ihren Dozent:innen – Rückmeldungen und Input zu ihren Hausarbeitsideen zu bekommen. Auch beim Geben dieses Feedbacks hat uns das Schreibzentrum in einem gesonderten Termin betreut. Wir konnten dank all dieser Unterstützung bestens vorbereitet in die Tutorien starten.
Die Blocktage zum wissenschaftlichen Schreiben fanden Mitte Februar statt – wie liefen diese ab und welche inhaltlichen Schwerpunkte habt ihr gesetzt?
Christina Scherer: Die Blocktage sind mehrstündige Tutorien mit allen Themen, die Hausarbeiten betreffen. Das meint alles von der Entscheidung für das Thema und für die Fragestellung, die mich wirklich interessieren, über den Aufbau der eigenen Arbeit, die Literaturrecherche und die Quellenarbeit, bis hin zum Feinschliff in Sprache und Stil. Die Nachfrage zu Recherche und Zitation ist besonders hoch: Die Studis wissen, dass sie Sekundärliteratur brauchen, aber nicht, wie sie sie finden. Richtiges Zitieren zu lernen ist dabei zentral für die wissenschaftliche Schreibpraxis und beugt Plagiaten vor. Zuletzt gibt es die Gelegenheit, den eigenen Schreibprozess zu reflektieren und zu optimieren. Am Ende der Veranstaltung sollen die Studierenden wissen, was sie tun können, damit ihr Schreibprozess effizienter und entspannter wird.
Die Resonanz der Studierenden war groß. Was sagt das über den Bedarf aus und welche ersten Eindrücke aus der Durchführung könnt ihr bereits teilen?
Lina Herz: Ich freue mich aus gleich zwei Gründen sehr über diese ‚Pilotfolge‘ des Tutoriums. Zum einen hat die UHH eine hervorragende Infrastruktur, solche Vorhaben kompetent und niedrigschwellig umzusetzen. So war sehr unkompliziert und mit großem Elan auf allen Seiten möglich, die Expertise der AStuB und des Schreibzentrums hinzuzuziehen und unsere Tutor:innen bestmöglich didaktisch zu schulen. Vielen Dank an dieser Stelle für die tolle Zusammenarbeit! Zum anderen war der Zulauf und das Interesse der Studierenden so groß, dass wir noch mehr Blöcke hätten anbieten können. Das spricht Bände und ist eine schöne Bestätigung, sodass wir hier auf jeden Fall unser Angebot ausweiten und weiter optimieren wollen. Ob und inwieweit sich dieses Format dann auch in den Ergebnissen der Seminararbeiten widerspiegelt, wird sich ja erst noch den nächsten Monaten zeigen müssen. Deshalb werden wir hier natürlich weiterevaluieren.
Lenah Grimm: Bereits zu Anfang der Vorlesungszeit kamen Studierende zu mir und haben großes Interesse an den Inhalten des Tutoriums gezeigt – der hohe Bedarf spiegelte sich dann auch in den Anmeldezahlen wider, die über das Semester stetig stiegen. Auch bei der Vorbereitung der Hausarbeiten in den letzten paar Wochen, sprich Themenfindung und -absprache, haben viele Studierende bereits die Materialien des Tutoriums/des Schreibzentrums genutzt, um erste Gedanken zu strukturieren und zu präsentieren. Die dankbare Annahme dieser Angebote zu sehen, hat mich sehr gefreut und darin bestärkt, das Projekt in den nächsten Semestern fortzuführen und auszubauen.
Wenn ihr in einem Satz Studierende für den nächsten Durchgang gewinnen wollt: Warum lohnt sich die Teilnahme?
Kommt ins Tutorium, ...
Pia Wennrich: …wenn die erste Hausarbeit euch Schwierigkeiten bereitet und ihr in einem vertraulichen Umfeld lernen und üben wollt, wie man an das wissenschaftliche Schreiben herangeht!
Sophie Grimm: ...um sämtliche Fragen, die ihr euch jemals zum Thema Hausarbeit gestellt habt, in einem offenen und wertungsfreien Raum loszuwerden und beantwortet zu bekommen!
Christina Scherer: ...wenn euch Hausarbeiten stressen und ihr entspannter werden wollt!
Projektinfos
Die Tutorien zur "Einführung in das literaturwissenschaftliche Arbeiten (ÄdSL)" fanden Mitte Februar in jeweils drei zweitägigen Blockveranstaltungen statt. Die Inhalte waren darauf ausgelegt, die Grundlagen des wissenschaftlichen Verfassens (Forschungsthemen, Recherche, Argumentationsstruktur, Stil, Zitation, Bibliographie etc.) in einem geschützten Raum kennenzulernen, zu vertiefen und anhand der (ersten) eigenen Hausarbeit zu erproben und zu üben.
Kontakt bei Interesse und Fragen: lenah.grimm"AT"uni-hamburg.de
Wir möchten unser Angebot im Sommersemester 2026 weiter ausbauen und suchen daher Verstärkung für unser Tutor:innenteam!
Zu den Personen
Lenah Grimm ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik. Gemeinsam mit den Tutorinnen Pia Wennrich (Deutschsprachige Literaturen, M.A.), Sophie-Elisabeth Grimm (Deutschsprachige Literaturen, M.A.) und Christina Scherer (Deutschsprachige Literaturen, M.A.) hat sie das Pilotprojekt in der Ältere Deutsche Sprache und Literatur durchgeführt. Nadia Blüthmann von der Arbeitsstelle Studium und Beruf hat das Projekt didaktisch begleitet. Lina Herz hat das Projekt initiiert und konzeptionell betreut. Sie ist seit 2022 Juniorprofessorin für Deutsche Literatur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit an der UHH.

