Ece Esmer Kirma

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Promotionsvorhaben
Die Rekonfiguration alevitischer Religiositäten durch Naturbeziehungen: Eine multilokale ethnographische Studie in Dersim und Istanbul
Diese Studie untersucht, wie Praktiken der Beziehung zur Natur – etwa Besuche von Heiligstätten (Ziyarets), Mensch-Tier-Beziehungen sowie umweltbezogene Diskurse – im alltäglichen Leben alevitischer Gemeinschaften vollzogen werden und wie diese Praktiken zur fortlaufenden Neukonstitution alevitischen religiösen Lebens unter sich wandelnden sozialen und materiellen Bedingungen beitragen.
Praktiken der Naturbeziehung eröffnen dabei eine besonders aufschlussreiche analytische Perspektive auf gegenwärtige Konfigurationen alevitischer Religiosität. Anstatt „Natur“ als feststehende theologische Kategorie oder als wesensmäßiges Merkmal alevitischen Glaubens zu behandeln, analysiert die Studie, wie Beziehungen zu Landschaften, heiligen Orten (Ziyarets), Tieren und ökologischen Fragestellungen in alltägliche Routinen, moralische Sensibilitäten und räumliche Ordnungen eingebettet sind. Diese Praktiken werden nicht als symbolische Überreste einer Tradition verstanden, sondern als sozial situierte Vollzüge, durch die religiöses Leben gelebt und neu gestaltet wird.
Theoretisch bringt das Projekt Ansätze der lived religion mit kritischer Forschung in Dialog, die stabile Definitionen von „Religion“ und „Säkularität“ hinterfragt. Diese Perspektive erlaubt eine Analyse, die weder lokale Tradition romantisiert noch gegenwärtige Veränderungen auf Säkularisierung reduziert, sondern die materiellen, räumlichen und relationalen Dimensionen in den Blick nimmt, durch die religiöses Leben aufrechterhalten wird.
Empirisch basiert die Studie auf ethnographischer Feldforschung in Dersim und Istanbul. Sie verortet die untersuchten Praktiken in umfassenderen Transformationen sozialer, ökonomischer und institutioneller Strukturen und berücksichtigt, dass die materiellen und diskursiven Bedingungen alevitischen religiösen Lebens durch sich wandelnde strukturelle Kontexte geprägt sind. Zugleich zeigt sie durch die Analyse alltäglicher materieller Praktiken – Landschaften, heilige Orte, Mensch-Tier-Beziehungen und umweltbezogene Diskurse – wie diese Bedingungen im Alltag angeeignet, ausgehandelt und subtil neu gestaltet werden, ohne dabei ein souveränes oder vollständig autonomes religiöses Subjekt vorauszusetzen.