Feld 4: Epistemologische Leitperspektive
In der Fragilität des Wissens und der natürlichen Begrenztheit des Erkennens liegt es begründet, dass auch religiöses Wissen prekär und umkämpft ist. Damit partizipieren Religionen – an-gesichts einer sich durchsetzenden Anerkennung einer Diversifizierung von Wissensformen – an Konkurrenzen und Konflikten epistemischer Regime. Wie werden in Umbruchszeiten, die immer auch Situationen von epistemischen Krisen mit sich bringen, unter Verwendung welcher Hermeneutiken und unter Rekurs auf welche Autoritäten (z.B. Schriften, Offenbarung) epistemische Ansprüche ausgehandelt bzw. durchgesetzt – innerhalb von Religionsgemeinschaften, aber auch im Verhältnis religiöser Akteur:innen zu ihrer Umwelt? Unter welchen Bedingungen werden religiöse Wissensformen bearbeitet und reorganisiert? Angesichts des neuen, digitalisierungsinduzierten globalen Strukturwandels von Öffentlichkeit stellt sich auch die Frage, welche religionsbezogenen epistemischen Praktiken mit diesem Struktur-wandel einhergehen, und welche Rückwirkungen diese in vielerlei Hinsicht als neu zu beschreibende mediatisierte Praktiken auf das Selbstverständnis von Religionen und religiösen Akteur:innen mit Blick auf ihre Rolle und Funktion in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen haben. Der Begriff der epistemischen Gewalt lenkt die Aufmerksamkeit auf die hegemoniale Durchsetzung bestimmter Positionen. Die Organisation von Wissen stellt sich dann gewaltförmig dar, wenn zur Durchsetzung bestimmter Interessen andere Existenzweisen unterdrückt bzw. ausgelöscht werden. Intertheologische Reflexionen zu religionsbezogenen Epistemologien kommen daher nicht aus ohne eine Analyse des komplexen Verhältnisses zwischen religiösem Wissen, Macht und Gewalt.
Der epistemologischen Leitperspektive kommt im Zusammenhang der vier Felder wie im Gesamtzusammenhang des Projektes eine besondere Funktion zu: Sie theoretisiert noch einmal explizit die Grundfrage des Forschungsinteresses des Kollegs, wie Wissen als symbolische Ordnung kriseninduziert und mittels Praktiken der Kritik adressiert, reformiert und transformiert wird. Damit nimmt Feld 4 in Form einer systematischen Reflexion epistemischer Praktiken eine epistemologisch-theoriegenerierende Rolle ein. In religionstheoretisch bzw. religionsempirisch vergleichender Perspektive wird es möglich, epistemische Zugänge und Praktiken zu unterscheiden, religiös-epistemische Typologien zu erarbeiten und Bedingungen der Genese nachhaltigen, auf sozialen Zusammenhalt und Resilienz abzielenden religiösen Zukunftswissens zu identifizieren.