Josephine Strauß

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Promotionsvorhaben
Kritik als Ermöglichung emanzipativer Transformation von Lebensformen:
Polyamouröse Beziehungsrationalitäten als Herausforderung theologischer Normativitäten und kirchlicher Praktiken
Zwischen egalitären Zukunftsutopien und Verheißungen neuer Freiheiten auf der einen, Untergangsszenarien angesichts des scheinbaren Zerfalls gesellschaftlicher Grundordnungen auf der anderen Seite, verdichten sich gegenwärtig Krisensemantiken in der Deutung der Transformations- und Pluralisierungsprozesse, denen intime Lebensformen wie Ehe und Familie unterliegen. Ausgehend von einer normativitätssensiblen Theorie sozialen Wandels im Anschluss an Rahel Jaeggi widmet sich das Dissertationsprojekt dem Aufkommen der Polyamorie als ein Moment dieser Bewegung, das bestehende gesellschaftliche, kirchliche und theologische Normengefüge irritiert.
Zu einem kirchenpolitischen Streitpunkt entwickelt sich Polyamorie, hier verstanden als eine nicht-monogame, auf (längere oder kürzere) Dauer angelegte konsensuelle Beziehungsform unterschiedlicher Struktur zwischen drei oder mehr Personen, aktuell aufgrund zunehmender öffentlicher Sichtbarkeit und einem steigenden Interesse an kirchlichen Anerkennungshandlungen. Im Interesse der Studie liegt angesichts dieser Herausforderungen die Ermittlung transformativer Potenziale der durch polyamore Lebenspraxis vermittelten Anfragen an bestehende theologische Normativitäten (Sozial- und Sexualethik) und Formen kirchlichen Anerkennungshandelns (Trauungen, Segensfeiern).
Ziel der Arbeit ist eine Kartierung dieses normativen Feldes und dessen anschließende kritische Betrachtung. Entsprechend geht das Projekt zunächst empirisch vor und greift dabei erfahrungstheologische Ansätze (Queer Theology, Lived Theology) auf. Im Zentrum stehen die Fragen: Wie verstehen polyamor lebende Christ:innen ihre Beziehungen, Liebe und Fürsorge im Lichte ihres Glaubens und wie sind ihre Beziehungsrationalitäten zu christlich-evangelischen Traditionen ins Verhältnis zu setzen? Welche entsprechenden Erwartungshaltungen und Ansprüche stellen sich ihrerseits an evangelische Kirche(n) und umgekehrt – und welche Begründungstrukturen liegen jeweils zugrunde? Methodisch macht sich die Arbeit zu deren Beantwortung die Grounded Theory Methodologie zunutze.